Heidelberg (epd). Unter dem Titel „Wir waren gleich und doch ganz anders“ spricht die evangelische Theologin Marita Rödszus-Hecker am Donnerstag, 20. Juli, um 19.30 Uhr in Heidelberg über Freundschaft. Der Vortrag findet im Rahmen der Literaturreihe „nimm & lies“ im ökumenischen Seelsorgezentrum „+punkt“ statt. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) führt die Theologin aus, was Freundschaft aus ihrer Sicht so wertvoll macht - und was sie von der Ehe unterscheidet.

Hecker: Es geht um das Thema Freundschaft, speziell in der Literatur. Ich habe drei Werke ausgewählt: „Wittgensteins Neffe“ (Österreich, 1982) von Thomas Bernhard , „Jules und Jim“ (Frankreich, 1953) von Henri-Pierre Roché und „Allerseelen“ (Niederlande, 1999) von Cees Notenboom. Beim ersten Roman geht es um die Freundschaft zwischen zwei Männern, der zweite Roman handelt von einer Freundschaft zwischen zwei Männern und einer Frau, das ist natürlich etwas pikanter. Im dritten Roman geht es um einen Freundeskreis.
epd: Welche Botschaft verbirgt sich hinter dem Titel „Wir waren gleich und doch so völlig anders“?
Hecker: Der Titel ist ein Zitat aus dem Roman von Thomas Bernhard. Für mich war das Entscheidende, dass man über die eigenen Freundschaften, die man pflegt oder gepflegt hat, nachdenkt. Literatur hilft, das eigene Leben zu „klären“. Das ist doch etwas, was man in vielen Freundschaften erlebt: Am Anfang sieht man sehr vieles, was einen miteinander verbindet, man hat dieselben Interessen, Leidenschaften, Erlebnisse vielleicht. Dann, nach einer Weile stellt man fest, wie unterschiedlich man doch ist. Es gibt nach meiner Erfahrung in jeder Freundschaft immer wieder Brüche und man denkt, mit dem kann ich jetzt aber gar nicht mehr, jetzt sind wir für ewig auseinander. Dann rauft man sich im Laufe des Lebens wieder zusammen. Man sucht sich seine Freunde aus. Freundschaft ist nichts, was bitter und hart durchs Leben gezogen werden kann.
epd: Wie unterscheidet sich Freundschaft von Liebe und anderen Beziehungen?
Hecker: Da gibt es das schöne Zitat „Liebe brennt, Freundschaft wärmt“. Liebe lodert auf und geht auch wieder, während die Freundschaft auf Dauer angelegt ist. Kurze Freundschaften kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Da fehlt es am Wesentlichen, der Treue. Es ist dieses zu dem anderen Halten, egal, was da passiert, egal, wie es dem anderen geht, und auch egal, ob der immer mit dem übereinstimmt, was man selbst meint. Wenn man heiratet, sagt man ja auch, man will man beieinander bleiben in guten und in bösen Tagen. Aber wir wissen alle, wie schwer das den Menschen fällt. Viele Freundschaften halten heute wesentlich länger als die Ehen.
epd: Haben Sie eine Erklärung dafür?
Hecker: Freundschaft hat den Vorteil, dass man auf eine freundschaftliche Distanz gehen kann. Freundschaft erträgt auch Schweigen. Sie ist darauf angelegt, dass man dem anderen nicht zu nahetritt. Ich glaube, das ist in der Ehe einfach schwieriger durchzuhalten. Andererseits bin ich der Meinung, dass das Talent zur Ehe darin besteht, dass man auch in der Ehe alles das pflegt, was man in der Freundschaft pflegt, Respekt hat vor dem anderen, diskret sein kann und nicht unbedingt will, dass der andere einem alles offenbart. Man respektiert in der Freundschaft, dass der andere immer etwas für sich behält.
epd: Was ist aus Sicht der Christin das Besondere an Freundschaft?
Hecker: Ich glaube, Freundschaft ist nichts, was konfessionell zu betrachten ist. Man kann darauf hinweisen, dass auch Jesus das Konzept der Freundschaft hochgeachtet und als das christliche Modell propagiert hat. Man spricht von Glaubensbruder und -schwester, ist aber nicht verwandt. Gemeint ist, man soll den anderen so betrachten wie seinen Bruder oder seine Schwester. Freundschaft an sich ist älter als das Christentum. Man könnte sagen, dass im Christentum die ganze Idee fast schon religiös aufgeladen wird.
epd: Freundschaft ist ein Ideal?
Hecker: Man sollte das Thema nicht zu ideal sehen. Man soll davon träumen, von dem idealen Freund. Aber man soll immer schauen, dass man auch mit der Wirklichkeit klarkommt. Nicht einen Freund nur hängen lassen, weil er nicht dem Ideal der Freundschaft entspricht. Da muss man dann auch mal fünfe gerade sein lassen, nicht überstreng sein, der andere muss einem ja auch vieles verzeihen.
Evangelischer Pressedienst (epd), 19.07.2023
Wir danken Susanne Lohse für die Möglichkeit, das Interview auf unserer Seite zu veröffentlichen.



