Mit Kippa und Kopftuch gemeinsam im Café
Ist Frieden zwischen Judentum und Islam möglich? – Vortrag im „Pluspunkt“ zeigte Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen auf
Von Arndt Krödel
Fahimah Ulfat und Asher Mattern pflegen seit langem das Gespräch miteinander. Die Tübinger Professorin für Islamische Religionspädagogik und der Rabbiner und Dozent für Jüdische Theologie haben es auch dann nicht aufgegeben, als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel angriff, das mit dem Gaza-Krieg darauf antwortete. Beide eint die auf traditionellen historisch-theologischen Quellen basierende Überzeugung, dass sich Judentum und Islam näher stehen, als dies gemeinhin – und vor allem von den Gläubigen selbst – angenommen wird. Den Grund für ihre Überzeugungen erklärten die beiden Wissenschaftler in einem Vortrag, zu dem der Verein „Interreligiöses Haus der Stille und des Gebets Heidelberg“ in das ökumenische Forum „Pluspunkt“ im Neuenheimer Feld eingeladen hatte.
„Wir sind überzeugt, dass Frieden ein wesentliches Anliegen aller großen Religionen ist“, betonte der Vorsitzende des Vereins, Anselm Friederich-Schwieger, in seiner Begrüßung. Gegenwärtig verausgabe sich die Menschheit in Kriegen, Unterdrückung und Hochrüstung und verschleudere dafür Ressourcen, die sie dringend zur Bewältigung globaler Krisen bräuchte. Nach seinen Worten wird Religion nur zu gern zum Kriegstreiben mit herangezogen und so zutiefst missbraucht. Der von ihm wiedergegebene Psalm 133 – „Siehe, wie fein und lieblich, wenn Geschwister in Eintracht miteinander leben“ – leitete über zu den beiden Referenten: „Eintracht“ heiße nicht, die gleiche Meinung und den gleichen Glauben zu haben, sondern bedeute Gesprächsbereitschaft.
Fahimah Ulfat und Asher Mattern leiten gemeinsam die 2023 gegründete Jüdisch-Islamische Forschungsstelle an der Universität Tübingen. Gerade angesichts der Krisensituation im Nahen Osten stellt sich die Frage mehr denn je: Ist Frieden zwischen Judentum und Islam möglich? „Erwarten Sie bitte keine abschließende Antwort darauf“, meinte Mattern – es gehe mehr darum, einen Hintergrund zu liefern, wie man vielleicht an die Frage herangehen könnte.
In der gegenwärtig eskalierten Konfliktsituation im Nahen Osten fehlten oft Empathie und Verständnis für das Leid des anderen, stellte Fahimah Ulfat fest. Der Fokus liege zunehmend auf der Entmenschlichung der anderen Seite. Ziel der Tübinger Forschungsstelle sei unter anderem, stereotype Zuschreibungen abzubauen. Mit Blick auf die Geschichte könnte der interreligiöse Dialog von heute darauf abzielen, die Vielfalt der Gläubigen als Teil eines gemeinsamen Erbes von Juden, Christen und Muslimen zu verstehen. Er könnte Fragen der gemeinsamen Verantwortung für soziale und ökologische Herausforderungen aufgreifen, „anstatt sich immer wieder der Abgrenzung der Religionen zu versichern“, hob Ulfat hervor.
Als das Grundproblem der Tora, der Heiligen Schrift der Juden, nannte Asher Mattern die Frage: „Wie ist es möglich, dass der Mensch frei den moralischen Imperativ übernimmt, für seinen Bruder, für seine Schwester da zu sein?“ Darauf müsse eine Antwort gefunden werden. Muslime und Juden seien theologisch eigentlich ganz nah beieinander, weil es in beiden Traditionen entscheidend um die Schaffung von Brüderlichkeit unter den Menschen gehe. „Der Konflikt, den wir heute haben, ist kein
theologischer, sondern ein Konflikt um das Land“, betonte Mattern.
Die engen historischen und ideellen Verflechtungen zwischen Judentum und Islam wiederzubeleben und ins Bewusstsein zu bringen – das sei das Ziel, resümierte Fahimah Ulfat. Eine Feindschaft anzunehmen ist nach ihrer Auffassung falsch, da auf einem Vorurteil beruhend: „Wir müssen andere Brillen aufsetzen.“ Sie würden häufig als Referenten angefragt von Schulen und Erwachseneneinrichtungen. Ihre Hauptarbeit, scherzte Mattern, bestehe momentan eigentlich darin, mit Kippa und Kopftuch zusammen im Café zu sitzen: „Die Reaktionen darauf sind teilweise sehr stark, und wir haben das Gefühl, damit sehr viel mehr Einfluss zu haben als mit unserer akademischen Arbeit.“
Rhein-Neckar-Zeitung 07.02.2025
Wir danken Arndt Krödel für die Möglichkeit, den Bericht auf unserer Seite zu veröffentlichen. Hier finden Sie den Artikel in der Onlineausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung.



